Süddeutsche Zeitung - 17. April 2002


Jenseits der Atmosphäre-Falle: Licht in einem Glas voll Wasser und andere Experimentierfelder
von Ingrid Zimmermann

Herrsching. Dass in dieser Ausstellung künstlerische Fotografie von Rang zu sehen sein würde, war zu erwarten gewesen. Die Vita des Multitalents Jeff Beer gibt bereits Auskunft über ein breites Schaffensspektrum. Dann aber, vor Ort, im Foyer der Bildungsstätte des BBV in Herrsching, wünscht man sich, es möchten alle jene, denen Fotografie, sei es aktiv oder passiv, mehr bedeutet als Knipsbildchen zur Erinnerung, dorthin wallfahrten und eine Lektion in Sehen mit nach Hause nehmen.

Die Ausstellung war Anfang des Jahres im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg gezeigt worden und Jeff Beer hatte auch nach Herrsching alle Fotos mitgebracht. Viel zu viele, wie sich erwies. Zehn Stunden hat er sich bemüht, eine in sich schlüssige Hängung der nun verkürzten Themenkreise zustande zu bringen.
Die beliebten exotischen Motive, mitgebracht von weiten Reisen, sind nicht dabei. Beer bleibt, im mehrfachen Sinn des Wortes, "bei sich". Er gönnt den Dingen im Haus einen Blick der neutralen, von ihren Zwecken völlig unberührten Wertschätzung, er schaut von innen nach draußen, durch die Membran der Fenster, und er findet Vielfältiges ums Haus und in seiner Nähe: Licht auf den Blättern der Bäume, ein Stück Straße.

Das ist bei anderen Fotografen ebenfalls zu entdecken, aber Jeff Beer geht nicht in die offensichtliche Ästhetik- oder Atmosphärefalle. Er greift zu mit dem Objektiv, wo Formelemente zusammentreffen - als inszenierten sie sich selbst im Sinne einer höheren Schönheit, einer anderen Realität, der Welt der Kunst in ihrer reinsten, vom Zweck gelösten Ausformung. Aber es kann auch sein, dass er selbst inszeniert und dann, experimentierend, ebenfalls zu dieser Ebene vorstößt.

So hat er in der Spüle seiner Küche eine leere, mit Wasser gefüllte Sardinendose entdeckt, die sich nun als Segment eines in Grenzbereichen raffiniert in Rot abgestuften Ovals mit dunklen, strengen parallelen Schattenlinien im Inneren zeigt. Er hat auf den Kopf eines metallenen Topfdeckels, der Licht vom Fenster her auffängt, ein wahllos abgeschnittenes Stück Brot gelegt, dessen Rand mit einem leichten Bogen im Hintergrund korrespondiert, und er hat ein simples Weckglas mit Wasser gefüllt und geschaut, was Licht damit macht. Aber es kann auch sein, dass er drei trockene Herbstblätter, die sich zu bizarren Formen gedreht haben, aufstellt, als seien es Menschenfiguren, denen er im warmen, rötlich getönten Licht gestattet, ihre Gefühle auszutauschen.

In all diesen Bildern steckt ein tiefes Geheimnis, und das transportiert sie mühelos und wie selbstverständlich an einen Ort, an dem Religion oder Spiritualität zu Hause sind. Und natürlich Kunst: Beers großformatige Unterwasserblätter sind wunderschöne Farbsymphonien, abstrakte Gemälde von hohem Rang.