Zwischen Jahren und Zeiten

Zwischen Jahren und Zeiten

Fotografien des deutschen Musikers und bildenden Künstlers Jeff Beer
im Moskauer Zentrum für Gegenwartskunst DOM

Von Larissa Polubojarinova

"Vom Wasser" , " Chleb" , " Von Bäumen" , " Drei Blätter" . Die Titel und Sujets der 30 Fotografien, die vom 26. September bis zum 31. Oktober im Konzert- und Ausstellungssaal des DOM präsentiert werden, scheinen zunächst ausgesprochen einfach. Zurückhaltend wirkt auch das gewählte Format der Bilder (30 x 40 cm), die sich in der milden, kunstvoll-künstlichen Beleuchtung des Ausstellungsraums fast wie heimisch ausnehmen. Das Objektiv des Künstlers richtet sich einerseits bewusst auf Alltägliches, Gewöhnliches, Häusliches, und andererseits auf Arbeitsprozesse des zyklischen Naturgeschehens, was im Titel der Ausstellung "Zwischen Jahren und Zeiten" besonders gut zur Geltung kommt. Die Protagonisten von gut einer Hälfte der ausgestellten Bilder sind ein Fenster, eine Tür, eine Stiege, ein Dach, mit einem Wort, die tragenden Elemente eines Hauses. Dies scheint auf eine fast symbolische Weise mit der Ausstellungslokalität zu korrelieren [russ. dom = Haus].

Vom Wasser Chleb - Brot Glas und Gras
Vom Wasser
Chleb - Brot
Glas und Gras

Hat diese Werkschau ihre eigene, künstlerisch autonome Botschaft, oder soll sie dem ohnehin als Allroundman und Multitalent geltenden Künstler - dem Bildhauer, Maler, Komponisten, Musiker und Dichter - lediglich noch eine weitere Facette hinzufügen? Zwei wichtige Facetten Jeff Beers, die eines brillanten Komponisten und die des exzellenten Schlagzeugers, traten Ende September während seiner beiden Moskauer Konzertauftritte, einmal im DOM, ein andermal im Rachmaninow-Saal des Tschaikowsky-Konservatoriums, eindrucksvoll in Erscheinung.

Wer Jeff Beer als Bildhauer kennt, wird vielleicht in der Tat zuerst auf Korrespondenzen mit seiner Plastik aufmerksam werden. So sind die Präferenzen Beers als Bildhauer, der vor allem mit Eisen arbeitet, deutlich erkennbar - zum Beispiel in der verchromten Herrlichkeit der edel-schäbigen Tasten einer alten Schreibmaschine ( "Biographie" ) oder in der massiven stählernen Körperlichkeit eines Türschlosses (Diptychon "Offen" - "Geschlossen" ).

 
Open Door
Closed Door
 
Open Door
Closed Door

Eine entferntere, jedoch nicht weniger zutreffende Assoziation mit Beers Skulpturen, liegt verborgen in der perlig rauen, fuchsroten Patina der drei orchideenhaft verwickelten, im Moment der höchsten Inspiration ihres Tanzes gefangenen "Blätter" . Oder ist es gar kein Tanz, sondern der Todes- und Schmerzparoxismus eines mit den palladischen Schlangen kämpfenden Laokoons und seiner drei Söhne? Der spätantike Bildhauer würde sich des Analogons wundern. Oder auch nicht ("Drei Blätter" I und II): Denn ungefähr in diese Richtung gehen farblich die meisten Eisenplastiken Beers (siehe zum Beispiel seine uns ganz besonders nahe gehende, Turgenjews Motive aufgreifende Plastik "Diary of a Hunter" , 1985).

Auf die Frage nach einer autochthonen Substantialität, auf die Eigenständigkeit von Beers Fotografien zurückkommend, wird man zuallererst auf die Polyperspektivität und Mehrdimensionalität seiner Kunstsprache verweisen müssen - Poly(perspektivität) und Mehr(dimensionalität) jenseits der Gegenständlichkeit. Dieses " Jenseits" der Beerschen Dinglichkeit ruft Pavel Florenskijs Ausführungen (siehe einen kleinen Aufsatz von 1918) zum Realismus in der Malerei in Erinnerung (einmal mehr, neben Turgenjew, Koinzidenzen in Beers Arbeit mit der russischen Kultur) und hat beim deutschen Künstler sehr wenig mit einem willkürlichen und unkontrollierten Aufbauen von immer mehr (Be)deutungsschichten zu tun: seine Objekte sind prinzipiell und ausdrücklich unsymbolisch. Das Phänomen [phainomenon (altgr.), das Sichtbare] verweist bei ihm auf kein Eidos [eidos (altgr.), die Idee], will im Eidos kein Wesen per se anerkennen, geht im Eidos keinesfalls auf - der Gegenstand (bzw. ein Prozess) bleibt auf Beers Bildern der Gegenstand selbst, büßt seine Eigenständigkeit nie ein.

Dennoch geht eine Art Entdinglichung vor sich. Die meisten seiner Fotografien bieten nämlich einen Blick von innen heraus an: aus dem Inneren einer Sache bzw. einer Substanz, einer Erscheinung heraus, als würde diese von sich selbst erzählen. (Eine direkte Koinzidenz würden hier wahrscheinlich die literarischen Miniaturen von Francis Ponge abgeben.) Die Form ist in einer solchen Erzählung des Gegenstands über sich selbst nicht vordergründig, die Formgrenzen selbst oft unscharf und trügerisch, nicht selten absichtlich verkürzt oder fragmentiert. So erweist sich die eigentliche, von innen heraus gesehene Form dreier vertrockneter Blätter als Orchidee, als Rock einer Flamencotänzerin, als Flammenzungen.

Drei Blätter I
 
Drei Blätter II
Drei Blätter I
 
Drei Blätter II

In Jeff Beers Fotografie wird die Form durch ein exzeptionelles Materialitätsbewusstsein, durch ein Substanzgespür ohnegleichen intentional überlagert, genauer gesagt angereichert (reiche Gaben, dargereicht von Beer als Bildhauer und Maler), wobei nichts aus der Substanz "heraus"gespürt wird, sondern lediglich Substanz selbst und an sich zur Geltung kommt: Als Dichte, Flüssigsein, Trockenheit (Wasser, Holz, Glas, Gras). Als eine unabdingbare Präsenz von Licht und Schatten in ihrer Körperlichkeit (z.B. die Dichte der Lichtstreifen im Diptychon "Dokumentation eines Belichtungsvorgangs" lässt sich in ihrer unzweifelhaften Substantialität beinahe betasten). Als Da-Sein von Energien und Kräften (vgl. den "Himbeerwind" , der, unwiderlegbar körperlich, die blättrige Substanz für sich, durch sich formt, sich dabei als etwas wie ein Propeller manifestiert). Als Da-Sein von Wärme- und Kältevorgängen (vgl. die ringförmig abgesunkene Schneeaushöhlung um das zu einer "Atmung" durchgedrungene Bäumchen, oder die nasse Rauheit der Steine, deren noch vom Spätherbst gespeicherte Restwärme sich durch eine dünne Schneeschicht hindurchwärmt und so aus unterschiedlichen Wärme- und Kältezonen die bildbestimmenden, scharf profilierten Rhythmen erzeugt: "Die Wärme der Steine" - da ist sie eben, die lebendige Signatur eines warmen, substantiellen Atmens). Und selbstredend als Farben und ihre spielerischen Konstellationen, die, bei allem Ernst in Jeff Beers Seharbeit, sowohl im einzelnen Bild selbst, als auch im Kolorit der Ausstellung insgesamt das Gezeigte durchwirken und es auf unterschiedlichste Weise organisieren.

Eine feinsinnige Farbkomposition - nicht umsonst ist der Künstler von Beruf Komponist - zeigt sich bereits im ersten Triptychon ( "Vom Wasser" , "Chleb" , "Glas und Gras" ). Intensive Rot und Grüntöne kontrastieren mit dem verhaltenen Irisieren einer mondfarbenen Tischoberfläche, mit der Silbrigkeit von auf dem Gras liegenden, aus einer dünnen Glasscheibe geschnittenen Figuren. Eigentlich ist, was Beers Farbenbewusstsein betrifft, in den drei ersten Fotografien bereits alles gesagt. Das Weitere ist lediglich Entfaltung und Ausdifferenzierung des anfangs exponierten chromatischen Diapasons. Ein Spiel mit silbernem, metallischen Glanz, das sich manchmal bis hin zur schwarz-weißen Strenge ( "Freundliche Angebote" ) oder einer kosmischen, unbegreiflichen jenseitigen Silbrigkeit steigert ( "Dieses silbrige Schimmern" ), oder am anderen Ende des chromatischen Spektrums erschütternde Farbsymphonien akkumuliert: unterschiedliche Schattierungen von Blau und Tiefblau ( "Säulen und Sphren" ), von Orange und Scharlach ( "Drei Blätter" ), von Aubergine- und Purpurpaletten ( "Looking Glass" ).

Dieses silbrige Schimmern Freundliche Angebote Biographie
Dieses silbrige Schimmern
Freundliche Angebote
Biographie

Die präsentierte Auswahl wird jedoch nicht allein durch die Farben zusammengehalten. Einzelne Bilder werden auch durch gemeinsame Motive in verschiedenen Konstellationen zu Mikro- und Makrozyklen verknüpft (Wasser, Reif, Holz, silbriges Schimmern.) - bedingt durch den Willen des Künstlers (siehe die Serien "Scheune" , "Von Bäumen" ), oder sich quasi selbstreferentiell verbindend im Laufe der Rezeptionsarbeit eines Rezipienten.

Die nicht einfache Einfachheit der ausgestellten Arbeiten ist nicht allein durch ihre phänomenologische Aufgeladenheit und durch die oben erwähnte Mehrdimensionalität ihrer rezeptiven Effizienz bedingt: Der Blick einer Substanz, eines Dings von innen heraus verweist auf nichts Geringeres als auf die von Beers Sehen freigelegte Anwesenheitsenergie seines beobachteten Gegenstands.

Nicht weniger wichtig scheint auch eine andere Schicht der Beerschen unartifiziellen Kunst zu sein, die tief im Subtext, manchmal auch lediglich im Subtext der Titel liegt. Der Relation von Bild und Titel kommt bei diesem Künstler eine ganz besondere Bedeutung zu und wird des Öfteren zu einer höchst produktiven, Sinn stiftenden Spannung. Besonders repräsentativ scheinen uns diesbezüglich "Säulen und Sphairen" und "Metamorphose" zu sein. Solche Titel, welche im Bewusstsein blitzschnell mehr oder weniger archaische Schichten der Kulturtradition ansprechen und aktivieren, lösen für einen Augenblick etwas tiefer Liegendes aus dem einfachen und alltäglichen Objekt heraus, was uns befähigt, das verborgene, eigentliche Wesen dieses Objekts zu erkennen: In den Modulationen eines von gewölbtem Fensterglas achtfach widergespiegelten Dachs die mythologisierte Verwandlungsorganik eines Ovid und eines Goethe. In den aus der Froschperspektive gesehenen Löwenzahnstielen und -blüten den hehren Rhythmus der antiken Sphären- und Tempelharmonien. (Die Bedeutung dieser archaisierenden Schreibweise "Sphairen" ist fürwahr nicht zu unterschätzen, verfremdet sie doch subtil das reife Löwenzahnköpfchen, veredelt und erhebt es nahezu unmerklich quasi zu einer (Himmels-) Sphäre, und gibt dadurch die ursprünglich kugelige Form der Blüte gleichzeitig wieder an sie selbst zurück, denn altgr. sphaira ist nichts anderes als Ball, Kugel).

Säulen und Sphairen
Säulen und Sphairen

Die tiefer liegende, komplexe Einfachheit der Beerschen Fotografie ist bereits der deutschen Kunstkritik aufgefallen. So sah Ingrid Zimmermann in Beers Bildern einen "mühelosen Transport des Alltags in reine Form" (Süddeutsche Zeitung vom 17.04.2002). Eine Einfachheit, zur Kunst gesteigert, oder eine Kunst, die sich als einfach tarnt. Welcher Richtung das Auge und das Objektiv des Künstlers Jeff Beer auch immer folgen mag, eines steht fest: die in diesem Schaffensprozess freigelegte Substanz nennt sich - die Schönheit.

Larissa Polubojarinova

Dr. phil. Larissa Polubojarinova lehrt als Professorin am Institut für vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft an der Staatlichen Universität in Sankt Petersburg. Ihre Essays, Aufsätze und Rezensionen erscheinen in zahlreichen internationalen Fachblättern.