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Dort, wo die Böden eisenreich sind, und die Relikte der seit Generationen im Feuer geformten Materie gleich der Jahrtausendschnecke in den Bauch der Erde heimkorrodieren, arbeitet Jeff Beer. Seine hier vorgestellten Skulpturen sind kaum verbal decodierbar. Titel, in der ersten Werkphase Perlenschnüre poetischer Findung und Assonanzen, sind Chiffren gewichen.

"Ich kann nicht wissen, welches Bild ich suchen soll, doch ich kann hingehen, hingehen, um da zu sein, versuchen, ganz da zu sein", sagt Jeff Beer. Er ist hingegangen und bewies mit den Schritten aus der EISENZEIT (1985) hin zur zweiten Werkphase ANWESEN/ABWESEN (1990/91) die Kraft, sich nicht vom Erfolg in ein Genre bannen zu lassen.

Besuchern legten Beers Figurinen und Szenarios der 80er Jahre - Skulpturen aus zum Teil ungewöhnlich ineinander gefügten Eisenfunden - mit quasi choreographierten Tentakeln Szenen des täglichen Lebensspieles ans Herz. Aber was ist seit der frühen Akzeptanz seiner scheinbar spielerisch geformten Fundskulpturen, die ihm so schnell den Vergleich mit Gonzales eingebracht hatten, geschehen - Jeff Beer misstraut schneller Erkenntnis.

In enzyklopädischer Suche ortet er seine Frage: was ist Skulptur? Seine Arbeit gilt zunehmend dem Versuch, "eine Polyphonie des Sehens zu finden". Auf dem Weg in die Erzgebiete der Einsicht, die Innenräume der Skulptur, wurden die Lichtblicke komprimierter, leuchtender.

Und doch ist mit ANWESEN/ABWESEN nichts geschehen, was nicht in der davor liegenden Werkphase schon angelegt gewesen wäre. Damals war die Untersuchung der Vielfalt von Formgebungsmöglichkeiten im Eisen Jeff Beers Thema. Sein Traum, Klangräume skulptural zu bilden, lag brach; das Feld seiner kompositorischen Erkundungen ruhte - er erarbeitete sich Eisen als skulpturales Material. Mit Augen und Händen eines Musikers - die unverwechselbare Eigenart von Jeff Beers Skulpturen liegt im Wesen des "Gesamtkunstwerkes": aus der Musik ableitbare Energien beeinflussen die Sichtweise, bereiten den Pfad, den der Gestaltende zu gehen weiß, bevor der Handwerker das Ergebnis zur Tat bewegt und in die ruhende Form entlässt.

Beers EISENZEIT war Abtasten möglicher und möglichst vieler Imagines, die hinter metallener Stofflichkeit verborgen sein könnten. Der konsequente Schritt zur nächsten, hier gezeigten Werkgruppe lag darin, durch Reduktion Wesentliches zu verdichten und Formen herauszuarbeiten, in denen die Materie Eisen mit der Idee von Imago kongruent wird.

Die neuen Arbeiten ANWESEN/ABWESEN sind äußerlich karger, inwendig aber reicher geworden. Es sind in der vorangegangenen EISENZEIT Solitäre zu finden, Kabinettstücke von der Rückkehr des Lächelns in dieses so spröde Material der Nachbarschaft von Mythos, Reichtum und Untergang. Aber mit den 1991 zuerst von der Galerie Stolz in Köln, dann auf der Kunstmesse in Basel vorgestellten Skulpturen und Installationen POCHER I und II, DOUBLE FIGURE, STELEN, TOR hat Beer Meisterwerke geschaffen.

Die Suche nach Integration der beiden Pole Imago und Materia hat nun jene Gestalt, in der das Eisen vollständig bleibt: Kompaktheit und Massivität des spezifischen Gewichts, statische Kraft, die durch Reduktion in Erscheinung tritt, bereichert durch Vielfalt stetig veränderlicher Oberflächen. Zwischen den Extremen Spiegelschliff und Korrosion liegt über den Formen von ANWESEN/ABWESEN nur noch ein Hauch von Imago, das beim nächsten Schritt des Betrachters schon ein anderes, verloren sein könnte.

Oszillierend zwischen Narbe und Kristall, Öffnen und Schließen folgte Jeff Beer dem Experiment mit der funktional determinierten Form des T-Trägers und baute einen Zyklus von Arbeiten rund um die Erkundung des Wesens dieser technischen Gestalt. Schon mit SPIEL FÜR BECKETT hatte Jeff Beer den Ton seines Tuns zu begreifen gegeben. Weiter vorangetrieben hat er die Erkundung mit TOR: der ruhende Zustand dieser Skulptur, welche auch vice-versa gelesen werden kann, enthält Masse und Bewegung. Statik und zugleich Labilität liegen in der Form. Vision zwischen Öffnen und Schließen. Skulpturale Recherche, Atmungsprozess ... Hat einer das Lied von der Weisheit des Hofnarren gesungen, der durch Blickbilder Tore neu öffnet?

Dr. Renate Lotz

"Pollenflüge des Blicks/Pollen Flight of the Glance "
Nike International Art Magazine, Special Sculpture 6, München, September 1993