Buchstaben und Blumen

Tagesspiegel Berlin
Neue Eisenplastiken von Jeff Beer in der Galerie Folker Skulima, Berlin
Von Heinz Ohff
Was er nach seinen eigenen Worten anstrebt, ist so etwas wie eine "Polyphonie des Sehens". Bei Jeff Beer ist das keine poetische Phrase. Bei ihm überlappen sich ein Vollblutmusiker (der Komposition, Schlagzeug und Klavier studiert hat) mit einem Vollblutbildhauer (der auch malt und Keramiken macht). Hat man sich in den sechziger Jahren eine Wiedervereinigung der Künste erträumt, hat der ebenso versierte wie grüblerische Oberpfälzer des Jahrgangs 1952 sie für seine Person nahezu lückenlos vollzogen.
Der belgisch-englischen Rockgruppe Odin hat er als Organist gedient, für die Bremer Ausstellung "Mythos Europa" im Auftrag Siegfried Salzmanns eine Eisenskulptur geschaffen und 1985 das Kunststück fertiggebracht, den Bayerischen Staatspreis gleich zweimal zu bekommen, als Musiker und als bildender Künstler.
In seiner dritten Berliner Einzelausstellung zeigt er aus Fundstücken entstandene Plastiken tatsächlich polyphoner Art. Sie haben Rhythmus und Melodie. "Gute Plastik", sagt Beer, "muß sein wie ein Buchstabe". Oder, wie er hinzufügt, "von der duftenden Strenge und Notwendigkeit einer Blume".
Eindeutig wie Buchstaben, gewachsen wie Blumen, streng, aber mit unzähligen Variationsmöglichkeiten, entfalten sie sich auf engstem Raum. Mythisches, das an Picasso erinnert, klingt an, feingegliedert oder totemartig, aber Beer kann auch festgefügte, meist doppelbödige Volumen entwickeln, die etwas Bühnenbildartiges haben, alles aus vorgeprägtem, gefundenem, nicht verändertem, sondern gleichsam von der Natur geformtem Material mit Rostpatina.
Unter den Eisenbildhauern der Gegenwart dürfte Beer der Philosoph und Poet sein. Die raumgreifenden Formen, die, geht man um die meist kleinen Skulpturen herum, auftauchen, verschwinden und sich neu entfalten, beruhen auf genauer, bildnerischer Beobachtung und Montage.
Man versäume nicht, im Hof der Galerie sich die 2 Meter 73 hohe "Figur mit Bogen und Tier" anzusehen. Sie bleibt grazil in ihrer Monumentalität, wie die "Buchstaben"-Plastiken, die, auch wenn sie relativ klein bleiben, ins Monumentale streben. Ein Doppeleffekt, der vielleicht auf Beers musikalischen Prinzipien beruht.