Frankenpost - Dritte Seite, 24.03.2005
Ungewöhnliches Fotoprojekt des Oberpfälzers Jeff Beer:
50 Blicke aus 7 Jahren auf 2 Apfelbäume in Gumpen
Von Richard Ryba

Mitterteich/Gumpen– Freundliche Schattenspender, fotografiert im Sommer 1999, am frühen Vormittag. Zwei Stämme mit knöchernem Geäst, inmitten einer Schnee-Kraterlandschaft gespenstisch ausgeleuchtet – ein Bild vom 7. Februar 2005, 21.21 Uhr. Momentaufnahmen aus dem Garten des Oberpfälzer Künstlers Jeff Beer. Seit sieben Jahren fotografiert er aus verschiedenen Perspektiven zwei eher unscheinbare alte Apfelbäume, die auf seinem Anwesen in Gumpen bei Falkenberg, Landkreis Tirschenreuth, stehen. Hunderte von Bildern, aus allen Jahreszeiten, zu allen Tages- oder Nachtzeiten, sind inzwischen zusammengekommen. Eine Auswahl von 50 dieser Bilder ist derzeit in Mitterteich zu sehen: 50 Blicke aus 7 Jahren auf 2 Bäume. Das 4,50 mal 1,60 Meter große Tableau „Von Bäumen“ sticht sofort ins Auge, wenn man das "Kunstzentrum Jeff Beer" betritt. Wie ein Sog zieht es den Besucher in die Ausstellungsräume, die der junge Mitterteicher Verleger Klemens Reif erst vor kurzem dem hoch geschätzten Künstler zur Verfügung gestellt hat – ein altes, leer stehendes Geschäftshaus ist da in eine Licht durchflutete Galerie verwandelt worden, die einen Querschnitt durch das vielfältige Schaffen des 1952 in Mitterteich geborenen Jeff Beer zeigt: Aquarelle, großformatige Farbholzschnitte, Buntstiftminiaturen, Eisenskulpturen – und eben Fotografien. "Die Bäume sind wie ein Zentralschlüssel für mein Werk", sagt Beer. "Die Leute fühlen sich von ihnen angezogen." Durch das vertraute Bild eines Baumes – oder eben zweier Bäume – werde der Betrachter an das zentrale Anliegen der anderen Arbeiten herangeführt. Und das Anliegen ist? – Eine authentische Erfahrung zu ermöglichen, die Gegenwärtigkeit der Dinge zu vermitteln, "ständig neu schauen und vorgefasste Meinungen abwerfen", sagt Beer, der sein Künstlertum so versteht, dass er Bilder aus seinem Leben zur Ansicht bringt und "Farbe bekennt".

"Wie ein Zentralschlüssel für mein Werk": der Oberpfälzer Künstler Jeff Beer und seine Baum-Fotografien (Foto: Richard Ryba)

Der Blick schweift nicht in die Ferne. Jeff Beer findet seine Fotomotive in der unmittelbaren Beobachtung seines Lebensraums: Der erste Beobachtungskreis ist das Haus selbst, in dem er seit 20 Jahren lebt, ein alter Bauernhof in Gumpen. Der zweite Kreis ist der Blick von innen nach außen – so hat Beer die beiden Apfelbäume immer wieder auch durch Fensterscheiben hindurch fotografiert. Der dritte Kreis sind die Dinge um das Haus herum – „deshalb bin ich automatisch mit den Bäumen in Beziehung gekommen“. Wie er sagt, hat er sich auf eine Art Gespräch mit ihnen eingelassen. Und er lässt sie wie sie sind: Mit keiner Astschere rückt er den Bäumen, die seit Generationen auf dem Hof stehen, zu Leibe – was ihm nicht gerade den Beifall der örtlichen Obstgärtner eingebracht hat. Vielmehr hält er, mit verschiedenen Kameras, die Schubkräfte der Natur fest, wie das Licht um die Bäume spielt, wie Leben entsteht: die Frucht, der Apfel – da spielen zwangsläufig auch paradiesische Vorstellungen mit hinein.

Beer fotografiert seit den 60er Jahren. Studiert hat er Musik. Und bereits vor dem Musikstudium hat er sich mit der Malerei auseinander gesetzt, die er immer noch betreibt. Er komponiert, vor allem für Schlagwerke, die er auch spielt, fertigt Skulpturen aus Eisen, schreibt – und nebenbei ist er auch noch allein erziehender Vater seiner zwei inzwischen 15- und 18-jährigen Kinder. Ein freischaffender Künstler ohne Grenzen und ein Mensch mit Arbeitsethos: „Träume müssen sein, aber die Arbeit zählt.“ Deshalb fühle er sich in dem Bauernhof, einem Ort der Arbeit, auch gut aufgehoben.

Aber Beer sitzt und schafft nicht nur in Gumpen, umgeben von Teich- und Waldlandschaft. Der Oberpfälzer ist ein international renommierter Künstler mit Ausstellungen und Konzerten in New York, Paris und Moskau. Nach Osteuropa zog es ihn in den vergangenen Jahren immer mehr. In diesem Jahr geht es nach St. Petersburg, zum Festival „Sound Ways“, mit einem Solokonzert und einer Ausstellung. So wie sich die verschiedenen Kunstsparten, die er betreibt, gegenseitig befruchten – so tue auch ein Ortswechsel bisweilen gut, sagt der Künstler. Eines aber scheint sicher: Wenn Beer von seinen Reisen zurückkommt, stehen die zwei Apfelbäume da – und er wird sie wieder fotografieren.