Im Inneren des Zentrums

Der Neue Tag, 03. Februar 2007:
Im Inneren des Zentrums (gekürzte Version)
Interview mit Jeff Beer zur Ausstellung "Verpuppungen V"
Von Stefan Voit


Die ungekürzte Fassung können Sie auf der Website www.oberfpalznet.de nachlesen: Interview mit Jeff Beer: "Im Inneren des Zentrums"

Dort finden sie auch eine Bildergalerie zur Ausstellung in Schwandorf:
Bildergalerie zur Austellung "Verpuppungen V", vom 4. Februar - 29. März 2007, im Künstlerhaus Schwandorf


Neuer Tag: Im Oberpfälzer Künstlerhaus zeigen Sie 100 Arbeiten. Wie sind Sie an diese Ausstellung herangegangen und wie haben Sie ihre Objekte dafür ausgesucht?

Jeff Beer: Das Künstlerhaus ist eine der schönsten Ausstellungsstätten der Oberpfalz, es bietet auf drei Etagen großzügige, phantastisch geschnittene Räume und fabelhaftes Licht, sicherlich für jeden Künstler eine Herausforderung, vor allem, wenn man das große Haus alleine bespielt. Es erschien mir schon immer ideal, hier einmal aus allen meinen Sparten eine Art subkutan verknüpften Kosmos aufzubauen, mit dem Ansatz, die formalen und inhaltlichen Hauptkräfte anzudeuten, aus denen sich meine Arbeit speist. Deshalb ist meine Freude groß, dass sich jetzt diese Ausstellungsidee realisieren ließ, und dafür bedanke ich mich sehr bei den Verantwortlichen. Der heimliche Schwerpunkt liegt diesmal auf der Malerei, die sich schon immer aus der Aufmerksamkeit für die Farbe speist, andererseits auch ein großes Interesse am Wesen der Formenwelt und des Dinglichen kennt, insofern es gelingt, daraus für die Malerei einen Funken zu schlagen. Diese beiden Aufmerksamkeiten machen den Grundklang der gesamten Ausstellung aus, nicht nur in der Sparte Malerei. Es war sehr spannend, zu beobachten, wie sich allmählich eine Gliederung, ein Rhythmus für die so unterschiedlichen Werkformen wie Bilder, Skulpturen, Fotografien herausentwickelte - wie sich quasi die Arbeiten gleich Spänen auf einem Magneten um ein inneres Zentrum zu ordnen begannen.

NT: Sie haben aber nicht nur die große Ausstellung in Schwandorf, sondern sind auch inzwischen international ein gefragter Künstler. 2007 finden zahlreiche Ausstellungen statt, u.a. im Passauer Museum Moderner Kunst, in Russland, Polen, Tschechien, 2008 in den USA. Besonders in Russland gibt es mehrere Ausstellungen. Wo zeigen Sie dort Ihre Arbeiten und wie ist die Resonanz auf die Werke?

Jeff Beer: Ich war im vergangenen Jahr fünf Mal mal nach Russland eingeladen. Die Fotografien zum Thema WASSER scheinen sich zu einer Art Selbstläufer zu entwickeln, was mich sehr überrascht und natürlich sehr freut. Waren die Ausstellungen anfangs nur in Moskau und Sankt Petersburg zu sehen, so folgten schon bald weitere Einladungen, etwa nach Kaliningrad, dann ohne mein weiteres Zutun im November 2006 nach Krasnojarsk, und für Januar/Februar 2007 sogar eine Ausstellung ins Arsenjew-Museum im fernen Wladiwostok, die erst vor wenigen Tagen eröffnet worden ist. Jedes Mal war die Resonanz hervorragend. Es gab mehrere Reportagen im Russischen Fernsehen, etliche Rundfunkinterviews, zahlreiche russische Interneteinträge, und sehr positives Feedback aus Wladiwostok, das bereits mit einer weiteren Einladung zum Thema "Meer" verknüpft ist - Wladiwostok liegt ja am Japanischen Meer. Es berührt mich tief, wenn sich jetzt quasi über unsere stille Waldnaab, die ich schon sehr lange beobachte, nicht nur fotografiere, sondern auch zeichne - all diese Dialoge eröffnen, bis weit in das ferne Russland hinein, und nächstes Jahr sogar an den Hudson River nach New York. Was mich immer neu erstaunt, ist die außerordentliche Sensibilität und Tiefe der russischen Ausstellungsbesucher, die sich neben den persönlichen Gesprächen vor allem in den auffallend differenzierten Eintragungen in den Gästebüchern manifestiert, was bei uns in dieser Qualität und Dichte kaum zu finden ist.

NT: Auf der III. Internationalen Biennale für Fotografie in Kaliningrad vertreten Sie im Februar die Bundesrepublik Deutschland als Jurymitglied. Welche Aufgaben haben Sie?

Jeff Beer: Einer der aktuellen Höhepunkte in Russland ist für mich nicht nur die überraschende Ernennung zum Jurymitglied der Biennale in Kaliningrad Mitte Februar, sondern vor allem die Einzelausstellung zur Biennale selbst, die im "Museum des Weltozeans" untergebracht sein wird. Dort werde ich neue Arbeiten zum WASSER zeigen, aber auch andere Fotografien, die bisher noch nirgends zu sehen waren. Die Jury der III. Internationalen Biennale für Fotografie hat insbesondere die Aufgabe, die offiziellen Kunstpreise zu ermitteln, Meisterklassen zu geben, praktische und theoretische Kurse zu organisieren, und am Katalog mitzuwirken.

NT: Ist diese internationale Anerkennung endlich eine Art "Ernte" Ihrer jahrzehntelangen Arbeit?

Jeff Beer: Was sich mir in den letzten Jahren zeigt, ist eine deutliche Zunahme der Ausstellungs- und Konzerteinladungen. Ob ich das allerdings als "Ernte" dessen auffassen darf, was ich bisher an Kraft, Zeit und finanziellen Mitteln in meine Arbeit gesteckt habe, bleibe dahingestellt. Ich habe immer unverbrüchlich daran geglaubt, dass Qualität und Authentizität ihren Weg machen und letztlich für die Entwicklung eines Künstlers und seines Werks ausschlaggebend sind. Wenn es ihm gelingt, sein Talent immer neu in eine qualitativ dichte, inspirierte Arbeit umzuwandeln, jenseits der kurzlebigen Moden eines immer korrumpierteren Kunstmarkts, dann ist er schon einen großen Schritt weiter. Authentizität, Kontinuität und Lebendigkeit sind und bleiben für mich das Entscheidende. Aus ihnen entsteht im Werk mit den Jahren ein Kraftfeld. Wenn Menschen kommen, die dieses Kraftfeld einerseits wahrnehmen, mir andererseits einen Tausch anbieten, indem sie von mir eine Arbeit erwerben, um künftig mit dem Ergebnis meiner Suche zu leben, ich im Gegenzug dafür eine Zeit weiterarbeiten kann, dann ist das für mich die menschlich schönste, authentischste und existentiell geerdetste Form der Anerkennung.

NT: Trotz allem internationalen Renommees haben Sie weiterhin die Oberpfalz als Ihren Lebensmittelpunkt. Wie wichtig ist die Verwurzelung in der Region und wie setzt sich diese in Ihren Arbeiten fest?

Jeff Beer:
Ich fühle mich mit der Region auf komplexe Weise verbunden. Ich bin in der nördlichen Oberpfalz geboren und hier aufgewachsen. So gibt es neben dem starken Bezug zum landschaftlich Charakteristischen, in das man von Anbeginn an hineinwächst, und worüber man sich erst ziemlich spät bewusst wird, wie tief das geht und was das eigentlich bedeutet - natürlich auch viele menschliche Bezüge. Ab einem bestimmten Alter gibt es den Grundzug, das Nest zu verlassen. Auch mir erging es so. Ich studierte in Würzburg, lebte danach eine zeitlang im Ausland. Nach Jahren war es mir aus der Ferne möglich, die Oberpfalz sozusagen "von außen" zu sehen. Ich begann, sie ganz neu wahrzunehmen, und es war das sich ankündigende Spektrum der neu entdeckten Qualitäten, das mich schließlich bewog, wieder in diese Landschaft zu ziehen, nicht "zurück zu", sondern in etwas ganz Neues, das noch keinen Namen hatte. Bewusst wählte ich einen Ort, den ich in meiner Kindheit und Jugend nicht kannte - Gumpen. Heute erst fange ich an zu verstehen, wie gut die Entscheidung war, mich hier neu angesiedelt zu haben, eine Entscheidung, die noch immer hält.